Top-300-Betriebe in Kärnten?

AUF DEM „HOLZWEG“?

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Fotorechte: KTN Holzindustrie/KK

Top-300-Betriebe in Kärnten? Ein willkommener Anlass, sich die aktuelle Wirtschaftsentwicklung und die wahren Stärken des Bundeslands genauer anzuschauen.

Die rundum optimistische Stimmung beim Branchenschaufenster Holzmesse kommt nicht von ungefähr. Die hochmoderne und maximal auto- matisierte Kärntner Holzindustrie hat sich im Vorjahr an der abgesetzten Produktion gemessen hinter der Maschinen- und Metallbranche sowie der Elektronik auf Rang drei katapul- tiert und damit die Chemie überholt. 17,2 Prozent all dessen, was wertmäßig in Kärnten produziert wird, kommt aus der Holzindustrie. Das Wirtschafts- forschungsinstitut spricht vom „größ- ten Wachstumsimpuls in der Sach- gütererzeugung“, der im übrigen auch im ersten Quartal 2016 noch in beacht- licher Größe anhält. Nach Zuwachs- raten von 25 Prozent im zweiten Halb- jahr 2015 sind es im ersten Quartal 2016 immer noch 12,7 Prozent gewesen.

Um das Ganze auch betrieblich zu verorten, hier ein paar Beispiele: das Spektrum reicht von den Sägewerken Hasslacher Norica Timber ganz im Westen Kärntens bis zur Offner Holz- industrie im Osten, von Plattener- zeugern wie FunderMax und Tilly bis zu Griffner (Fertighäuser) oder Weißenseer (Niedrigenergiehäuser). Spannend, dass im Augenblick gerade die „good old Economy“ die beacht- lichsten Erfolge einfährt. Die Entwick- lung zeigt aber auch, dass authentisches Wirtschaften in einer den Rohstoff perfekt nutzenden Wertschöpfungs- kette nachhaltigen Erfolg bringt. Vom Brett bis zu den Holzabfällen für die stof iche (Platten-, Papierindustrie) oder thermische Verwertung (Bio- masse), da bleibt nichts liegen. Quasimaterialisiert hat sich das Kärntner Holz-Knowhow im spektakulären, 120 Meter hohen Holzturm am Pyramiden- kogel, der drei Jahre nach seiner Eröff- nung schon über eine Million Besucher zählte.

Exportstarke Industrie

Die Holzindustrie war aber nicht allein dafür verantwortlich für das im Öster- reichvergleich überdurchschnittliche Wachstum der Kärntner Sachgüter- erzeugung. Auch die Elektronik legte mit Leitbetrieben wie In neon oder Flex kräftig zu. Ebenso die nach kurzer Durststrecke sich wieder erholende Maschinen- und Metallbranche mit Leitbetrieben wie Mahle bzw. dem Joint Venture Bosch-Mahle Turbo- systems, das ein beispielloses Wachs- tum hinlegt. Ein Großteil der beim AMS gemeldeten offenen Stellen im Bezirk Völkermarkt sind auf den Expansionsdrang des Autozulieferers zurückzuführen.

Entsprechend positiv entwickeln sich die Exporte. 2015 konnte erstmals die Schallmauer von 7 Mrd. Euro durchbrochen werden. Um 4,7 Prozent mehr haben Kärntens Betriebe ins Ausland geliefert als im Jahr davor. Die Außenhandelsbilanz (Exporte minus Importe) ist mit 1,1 Mrd. Euro im Plus. Damit liegt Kärnten an vierter Stelle im Bundesländervergleich. Unter den wichtigsten Exportländern liegt Deutschland nach wie vor unan- gefochten an der Spitze. Dahinter folgt aber nicht mehr Italien, das auf Platz drei abgerutscht ist. Die USA sind mittlerweile Kärntens zweitwich- tigster Handelspartner. Mit ihnen hat Kärnten eine hoch positive Handelsbilanz. Exporten von 744 Mio. Euro stehen Importe von lediglich 292 Mio. Euro gegenüber. Eine echte Erfolgsgeschichte!

Schwächelnder Tourismus
Wer jedoch aufmerksam durch den Wirtschaftsbericht des inzwischen umgetauften, aber in beständiger Deut- lichkeit die Kärntner Wirtschaftsent- wicklung dokumentierenden Kärntner Instituts für Höhere Studien blättert, wird auch der dunkleren Seiten Gewahr werden. Da ist zunächst der schwä- chelnde Tourismus, der in Kärnten im Vorjahr im Vergleich zu anderen Bun- desländern unterdurchschnittlich zuge- legt hat. Österreichweit übernachteten die Gäste um 2,5 Prozent öfter als 2014, in Kärnten nur um 0,6 Prozent. Dabei zeigte sich offenbar, dass das Plus vor- wiegend auf Gäste aus dem Inland zurückzuführen ist. Die Übernach- tungen von Ausländern nahmen sogar um 1,2 Prozent ab. Man wird sehen, ob sich die unsichere Lage am Südufer des Mittelmeers belebend auf den heimischen Tourismus auswirken wird. Immerhin konnte der zuständige Referent, Landesrat Christian Benger, zuletzt von einer Investitionsoffensive in Kärntens Hotellerie und Gastrono- mie berichten.

Die war auch bitter nötig. Im Jahr 2013 wies die Investitionsstatistik des IWI (Industriewissenschaftliches Institut) noch bescheidene 130 Mio. Euro aus. Selbst die von der Bruttowertschöpfung her nicht einmal halb so starke Landwirtschaft stellte den Tourismus mit Bruttoanlageninvesti- tionen von 208 Mio. Euro ganz klar in ihren Schatten. Die Immobilienbranche investierte 1,166 Mrd. Euro, die Industrie inklusive Dienstleistungen sogar 2,53 Mrd. Euro. Liegt es am Einzelkämpfertum der Branche, die signifikant weniger mit Reiseveranstaltern kooperiert als anderswo, oder liegt es daran, dass aufgrund der bescheidenen Entlohnung und harten Arbeitsbedingungen kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur schwer zu finden sind? Wolfgang Kleemann, Geschäftsführer der Österreichischen Tourismusbank, hat jedenfalls im April im Gespräch mit der Tageszeitung „Die Presse“ festgestellt, dass Kärnten die instabilsten Tourismusbetriebe habe. Sieht man sich die hohe Zahl an offenen Stellen (und Lehrstellen) in der Branche an, so ist der von der Presse formulierte Titel „Die Fluchtbranche“ wohl nicht weit hergeholt.

So wichtig die Fremdenverkehrsbetriebe für das wirtschaftliche Über- leben der Täler sind, der Kampf um die Erhaltung von Wohlstand und Lebens- standard wird in Kärnten an anderen Fronten gewonnen. An der wirtschafts- politischen Prioritätensetzung sieht man das leider nicht. Es gibt zwar ein Tourismusreferat in der Landesregierung, jedoch kein Industriereferat. Vergleicht man den Aufwand bei der Vermarktung Kärntens als Urlaubsland mit jenem als Technologie- und Indus- triestandort, dann verkehren sich hier geradezu die Verhältnisse. Da wird ja beinahe mit Kanonen auf die touris- tischen Spatzen geschossen, während Betriebsansiedlung und Standort- marketing für den vergleichsweise boomenden Industrie- und Technolo- giesektor unterentwickelt sind.

Baubranche leidet
Ein anderes trauriges Kapitel ist die Baubranche. In Kärnten im Bundes- ländervergleich stets überdurchschnitt- lich vertreten, ist die Entwicklung schon über einige Jahre unerfreulich. Der Kärntner Hochbau legte im Vor- jahr ein Minus von 4,3 Prozent hin. Österreichweit waren es nur 2 Prozent. Und wenn auch der weniger beschäfti- gungsintensive Tiefbau aufgrund öffentlicher Aufträge zulegte, die Daten für das erste Quartal 2016 lesen sich regelrecht bedrohlich. Als einziges Bundesland registrierte Kärnten im Vergleich zum Vorjahr laut WIFO ein Minus von 1,2 Prozent. Die Auftragseingänge  nahmen sogar um 25 Prozent ab. Da mag zum Teil die demografische Entwicklung hineinspielen, zum Teil das ja auch im übrigen Österreich nicht berauschende Investitionsklima. Kärntens Anteil der in der Bauwirtschaft tätigen an der Gesamtbeschäftigung gleicht sich von seiner einstigen Sonderstellung her immer mehr den österreichischen Verhältnissen an.

Dafür nimmt der Anteil der geringfügig Beschäftigten in Kärnten zu: 11,7 Prozent der Gesamtbeschäftigten, dieser Wert ist in keinem anderen Bundesland höher und schlägt natürlich voll auf die Kaufkraft durch. Zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten sind Frauen. Dazu passt auch die deutlich unter dem Österreich-Schnitt liegende Frauenerwerbsquote von 73,6 Prozent. Der Wirtschaftsbericht des Landes emp ehlt eine bessere Erwerbsbeteiligung der Frauen, die vor allem über ein besseres Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen zu erreichen wäre. In diesem Punkt zeigt das Umsetzungspapier des Regierungsprogramms der Dreierkoalition übrigens erste Fortschritte. Ganztagsschulen nehmen etwa zu.

Wenig Positives ist hingegen von den Reformbemühungen in der Verwaltung zu berichten. Unisono kritisieren Landesrechnungshof und Wirtschaftsbericht, dass angesichts der prekärennanziellen Lage und des Spardrucks gerade in diesem Bereich wenig gelungen sei. Der Anteil öffentlicher Verwaltung und Sozialversicherung an der Gesamtbeschäftigung liegt hierzulande bei 18,3 Prozent, im Österreichvergleich nur bei 16 Prozent. Da ist im Wirtschaftsbericht von zu realisierenden deutlichen Efzienzsteigerungen die Rede. Die von Vorgängerregierungen praktizierte exzessive Expansion der Beschäftigtenstände im Landesdienst hat nicht einmal zu besseren Zahlen am Arbeitsmarkt geführt. Im Gegenteil, Kärnten hat schon über lange Zeit hinter dem zuwanderungsgeplagten Wien die höchste Arbeitslosenquote. Vielleicht weil durch die hohen Personalkosten der budgetäre Spielraum des Landes so eng ist, dass für investive Maßnahmen kein Geld mehr bleibt. Womit wir etwa wieder bei der Bauwirtschaft wären – und bei einer Prinzipienfrage: Hat die öffentliche Hand die Aufgabe möglichst viele Menschen zu beschäftigen, oder hat sie die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die – aus welchen Gründen immer – nicht in den Arbeits- prozess integrierbar sind, menschen- würdig leben? Beim Blick auf die hei- mische Überverwaltung ist ernsthaft die Frage zu stellen: Sind wir überhaupt noch eine soziale Marktwirtschaft?

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