Das Jammern hat ein Ende

Die Welt aus den Augen der anderen zu betrachten, befördert das Nachdenken über die eigene Sichtweise. advantage-Gastautor Oliver Welter erlaubt uns, ihm bei seinem Blick auf die Welt über die Schulter zu blicken. Ein #thinkabout zur aktuellen Situation eines Kunstschaffenden in Österreich. Foto: Johannes Puch

#thinkabout von Oliver Welter

Dieser Tage werde ich immer wieder gefragt, wie ich als freischaffender Künstler, genauer als Musiker, persönlich mit der aktuellen Lage umgehe, was mich im Hier und Jetzt inspirieren würde, was mir abginge, was mich am Meisten stören oder belasten würde. Nun, die Isolation selbst, die macht mir wenig aus. Klar sehe auch ich gerne meine FreundInnen, treffe auch ich gerne KollegInnen aus meiner Branche oder diesen Haufen Verrückter – mein klägliches, aber trinkfestes Fußballteam – im wöchentlichen jour fix. Da aber ein nicht unwesentlicher Teil meiner Arbeit aus dem Komponieren von Musik und dem Schreiben von Texten besteht, und diese Tätigkeiten für mich in der Einsamkeit am besten zu bewerkstelligen sind, ist für mich die Isolation grundsätzlich kein Problem. Im Gegenteil, denn für gewöhnlich liebe ich diesen Rückzug in mich selbst. Mein Homeoffice ist im Bestfall eine Wundertüte, aus der ich schöpfen und mich bedienen kann. Nicht aber diesmal. Nicht, wenn ein verdammter Virus uns in die Knie und damit in unsere vier Wände zwingt. Nicht jetzt in der Krise, wenn der innere Zwang gefälligst sofort und auf der Stelle kreativ zu sein und etwas Originäres zu schaffen, tonnenschwer auf einem lastet. Und damit bin ich nicht allein. Der Chor freischaffender Künstler aller Sparten, der sich dieser Tage besonders müht und plagt, ist ein großer, wie mir in vielen Gesprächen mit KollegInnen ganz deutlich wurde. Wie so viele andere, wurde auch ich von einem Tag auf den anderen mehr oder minder arbeitslos. Die von der Regierung angeordnete Schließung aller Bühnen und aller öffentlicher Veranstaltungen – dafür habe ich selbstverständlich das vollste Verständnis! – hat mir sprichwörtlich den Boden unter den Beinen weggezogen. Ohne die Konzertbühne, ohne das Theater, ohne das ein oder andere Event (fast) kein Einkommen. Bis in den Herbst hinein sind mir alle Auftritte und Engagements gestrichen worden. Was danach sein wird? Keine Ahnung. Niemand weiß das. Vielleicht wird dieser unscharfe, planlose Zustand noch viel länger andauern, als befürchtet. Als ob dieser Verstoß ins eigene Prekariat nicht reichen würde, bin ich jetzt auch noch zum staatlich anerkannten Bittsteller geworden. Seit zwei Jahrzehnten arbeite ich als freier Selbstständiger völlig autark. Nie habe ich mich um öffentliche Gelder bemüht, immer war mir wirtschaftliche Unabhängigkeit am allerwichtigsten. Diese Unabhängigkeit garantiert mir meine Freiheit im Tun. Dadurch bin ich selbstbestimmt. Ich kann Projekte und Angebote prüfen und studieren, eh ich sie annehme oder auch nicht. Im Normalfall. Im Moment aber heißt es, stattdessen Anträge und Formulare auszufüllen, Einkommensnachweise zu erbringen, Verdienstentgänge aufzulisten und auf öffentliches Geld zu hoffen, damit zumindest die monatlichen Fixkosten weiterhin gedeckt sind. Ein jämmerlicher Zustand. Damit ist jetzt aber Schluss! Das Jammern hat ein Ende! Jetzt heißt das Credo: auf zu neuen Ufern. Kreatives, neues und anderes Denken ist nun gefragt. Das macht mir wiederum keine Sorgen. Soft skills sind meine Währung. Ich gedenke, sie vermehrt einzusetzen. Wer sagt denn, dass meine große Leidenschaft, die Musik, mich für immer und ewig versorgen wird müssen? Vielleicht gestalte ich von nun an mein Leben ganz anders. Vielleicht erfinde ich mich selbst einfach neu. Ich bin sowieso schon die längste Zeit im sicheren Hafen gelegen. Vielleicht nutze ich die Krise, um unbekanntes Land zu betreten. Ich weiß nicht, was konkret sein wird, aber es könnte gut sein. Die Kunst wird bleiben und immer meine große Liebe sein. Und sie ist, egal was überforderte Kulturpolitiker so denken und verzapfen, systemrelevant! Ohne Musik, Bilder, Literatur, Theater, Film usw. würde es ganz schnell dunkel werden. Ohne Kunst könnten wir den Laden dichtmachen. Dann hieße es bloß: Welcome to North Korea! Will das ernsthaft jemand? |

Zur Person:

Oliver Welter, Frontman der Band Naked Lunch, arbeitet seit den 1990er Jahren als Sänger, Songautor und Komponist u. a. fürs Theater, sowie für Kino- und Fernsehfilme. Seit einigen Jahren ist er zudem erfolgreich als Schauspieler und freier Autor tätig. Foto: Johannes Puch

Ausgabe 2 - März 2020

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