Am Wendepunkt...?

Die Zukunft selbst in die Hand nehmen

Wie ein Virus die Welt verändert und doch das meiste beim Alten bleibt. Die Corona-Krise ist auch ein Wendepunkt, sofern die Menschen sich für Veränderungen entscheiden. Text: Günter M. Pinter

Foto: An einen Wendepunkt, können wir aktiv eine Entscheidung treffen und sind handlungsfähig. Foto Arek Socha_pixabay

Weltweit wird der Alltag der Menschen nach wie vor durch die Einschränkungen, Folgen und langfristigen Auswirkungen der Covid-19- Pandemie bzw. Corona-Krise beherrscht. Eine wirtschaftliche und soziale Krise könnte eine dieser Folgen sein. Die möglichen Auswirkungen wie Massenarbeitslosigkeit, Pleitewellen und gesellschaftliche Verwerfungen werden in düsteren Farben ausgemalt, sollte es nicht gelingen, mit drastischen Maßnahmen entgegenzusteuern. Wie diese Maßnahmen aussehen könnten, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sie reichen von einem massiven Ausbau des Sozialstaates mit Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, Vermögenssteuern und Solidarabgaben der Superreichen sowie Teilverstaatlichungen über Forderungen nach massiven staatlichen Wirtschaftsförderungen und Steuersenkungen bis hin zum Aussetzen der Klimaziele, dem Rückbau des Sozialstaates und sogar – trotz der aktuellen Erfahrungen – zu weiteren Einsparungen im Gesundheitsbereich.

Krise als Zäsur

Einig ist man sich nur bei der Einschätzung, dass diese Krise einer Zäsur gleicht und nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Diesem Eindruck werden nahezu alle Menschen zustimmen, die in diesen Tagen unmittelbar in ihrem persönlichen Erleben mit zuvor nicht vorstellbaren Einschränkungen im Alltag von der Krise betroffen sind. Wirft man jedoch einen Blick auf die größeren Krisen der jüngeren Vergangenheit, so fällt doch auf, dass die vorhergesagten Veränderungen sich doch bescheidener eingestellt haben, als dies im inmitten der Krise angenommen wurde. So schien es eine ausgemachte Sache, dass mit dem Super-GAU in Tschernobyl das Ende der Atomkraft eingeläutet wurde. Heute wissen wir, dass seit 1986 viele neue AKWs gebaut wurden und selbst die Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat bisher nur in Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie beschleunigt. Der 11. September führte ebenso wenig zum angekündigten Zusammenbruch des weltweiten Flugverkehrs wie die Finanzkrise 2008 zu einem nachhaltigen Umbau der weltweiten Finanzsysteme.

Lehren aus der Krise

Auch die prognostizierten Veränderungen durch die Corona-Pandemie bleiben – nach den ersten Wochen des Hochfahrens – bisher aus. Der Wunsch, zur alten Normalität zurückzukehren, ist offenbar größer als der Wunsch, Lehren aus der Krise zu ziehen. War zu Beginn des Lockdowns noch die Rede von der Chance auf eine längst notwendige Entschleunigung, innerer Einkehr und einer Bewusstseinsänderung ist jetzt der Wunsch stärker, die alten Gewohnheiten und Lebensweisen, wo immer das bereits möglich ist, wieder aufzunehmen. Da reicht ein Blick auf Warteschlangen vor Kaufhäusern, Baumärkten und Fast-Food-Restaurants und in die wieder geöffneten Gasthäuser. Der Wunsch nach Öffnung der Grenzen soll sowohl den Tourismus wieder ankurbeln als auch das eigene Reisen wieder möglich machen. Die Heldinnen und Helden während der Quarantäne – im Handel, in der öffentlichen Verwaltung, im Gesundheits-, Pflege und Sozialbereich, im Transportwesen oder in der Energieversorgung – sind schon aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Wer redet jetzt noch davon, dass sie mehr verdienen als Applaus, Dankesbezeigungen und vielleicht noch ein paar Gutscheine?

„Coming back to where you started is not the same as never leaving“

Terry Pratchett

Ist eine Rückkehr möglich?

Seit die ersten Lockerungen in Kraft getreten sind, scheinen solche Fragen in den Hintergrund gerückt zu sein. Möglich, dass das dem wochenlangen, aufgezwungenen Verzicht auf selbstverständliche Freiheiten und Gewohnheiten geschuldet ist. Vielleicht tritt ein neues Bewusstsein, dass diese persönlichen Freiheiten nach der Quarantäne und der Einschränkungen und Verhaltensvorschriften eine neue Wertschätzung erfahren, erst mit einiger Verzögerung ein. Wahrscheinlich werden große Veränderungen kurzfristig vorerst ausbleiben. Maskenpflicht und Abstandhalten werden früher oder später zurückgenommen werden, der Alltag wird sich wieder normalisieren. Die Corona-Krise wird wohl, wie jede Krise, manches verändern. Eine völlige Rückkehr in die Zeit vor der Krise wird nicht möglich sein, das Erleben der Krise hat bereits etwas verändert. Um es mit den Worten von Fantasy-Autor Terry Pratchett zu sagen: „Coming back to where you started is not the same as never leaving“.

Krise als Wendepunkt

Was aber ist gemeint, wenn von „Krise“ gesprochen wird. Das Wort Krise leitet sich aus dem Griechischen krísis ab, und bezeichnet neben seiner ursprünglichen Bedeutung „Meinung“, „Beurteilung‘“, „Entscheidung“ heutzutage auch den Höhepunkt oder den Wendepunkt in einer dramatischen Lage. Im griechischen Drama wie in modernen Hollywoodfilmen gehört es zur Erzähltechnik und meint den Höhepunkt einer Geschichte, an dem sich das Schicksal des Helden entscheidet und sich entweder zum Guten, zur Katharsis (Reinigung) oder zum Schlechten, zur Katastrophe (Niedergang) wendet. Mitunter geht die Krise dem Wendepunkt voran, ist gleichsam die Voraussetzung für diesen. Eine Krise als Wendepunkt zu betrachten, kann die Art und Weise verändern, wie wir damit umgehen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist eine Krise ein Ereignis, das uns von außen aufgezwungen wird und das erleidet, erduldet und überstanden werden muss.

Wieder handlungsfähig

Diese passive Rolle, gleichsam als Opfer der Krise und Spielball der Ereignisse, ändert sich, wenn diese als Wendepunkt wahrgenommen wird. Jetzt können wir aktiv eine Entscheidung treffen, um die Krise zu bewältigen und zu überwinden. Wir können Chancen sehen und sie ergreifen, Gefahren und Risiken erkennen und einschätzen. Wir sind wieder handlungsfähig. Es besteht auch das Risiko, die falsche Entscheidung zu treffen und einen Fehler zu machen. Doch auch hier mag die Einsicht gelten, dass man im Leben weniger die Fehler bereut, die man gemacht hat, als die Gelegenheiten, die man verpasst hat. Ein Wendepunkt ist der Zeitpunkt, ab dem sich etwas entscheidend verändert. Die Betonung liegt auf dem Wort „entscheidend“. Denn Entscheidungen werden von Menschen getroffen, die sich bewusst sind, nun an einem Punkt angelangt zu sein, der aktiv eine Handlung erfordert. Am Wendepunkt bietet sich eine Chance, die wir ergreifen können, um unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. |

Ausgabe 2 - März 2020

Ausgabe 02 März 2020

Sonderausgabe notare in Kärnten

Hier werden Cookies verwendet! Die advantage-Webseite verwendet Cookies um Inhalte und Werbeanzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf die advantage-Webseite zu analysieren. Diese Informationen werden unter Umständen auch von unseren Werbepartner genutzt. Lesen Sie mehr dazu in der Datenschutzerklärung.