Schafft Technik eine bessere Energiewelt?

Den einen kann die technologische Energiewende nicht schnell genug gehen, die anderen sind skeptisch oder sehen große Herausforderungen. Spannende Voraussetzungen für kontroversielle Diskussionen bei der Kelag-Konferenz Erneuerbare Energie zum Thema „Zentral. Dezentral. Digital“ Anfang November in Velden.

Foto: Kelag-Vorstand Manfred Freitag bei seinen Begrüßungsworten zur Kelag-Konferenz Erneuerbare Energie.Foto: Kelag

„Neue Technologien können unsere Energiewelt verändern“ hieß es im Untertitel der „Kelag-Konferenz Erneuerbare Energie Kärnten 2019“– „ja wenn man sie nur ließe“, möchte man als Zuhörer zunächst ergänzen. Denn alle Appelle der Vertreter des Kärntner Energieversorgers, die Energiewende doch in einer gemeinsamen Anstrengung von Politik, Anrainern, Industrie und Medien anzugehen, prallten hart gegen die Mauer des normativ Faktischen. Hatte Kelag-Vorstand Manfred Freitag in seinem Einleitungsstatement noch klar gemacht, dass Kärnten, wolle es seinen Beitrag zu den Klimazielen leisten, bis zum Jahr 2050 die Menge des Stroms aus Erneuerbarer Energie verdoppeln müsse, blieb die für Energie und Umwelt zuständige Kärntner Landesrätin Sara Schaar zurückhaltend. Ihr Fazit: Kärnten sei in Europa ohnehin Vorreiter bei der Nutzung der Erneuerbaren Energie.

Stromverbrauch steigt stark

Dem widersprach Peter Traupmann, Geschäftsführer der österreichischen Energieagentur, zunächst nicht. Im Gegenteil! In Kärnten betrage der Anteil an fossilen Brennstoffen am Gesamtverbrauch 48 Prozent, im Österreich-Schnitt seien es 67 Prozent. Im Bereich Wärme(erzeugung) falle der Vergleich sogar noch besser für das südlichste Bundesland aus. Hier betrage das Verhältnis 43 Prozent Fossile zu 88 Prozent in Österreich. Das könne aber nicht über die negativ durch den Tanktourismus beeinflusste Situation beim Verkehr hinwegtäuschen, wo noch 90 Prozent der Fahrzeugflotte fossil betrieben werden. Da unterscheide sich Kärnten wenig von anderen Regionen.

„In Kärnten wird sich
der Stromverbrauch bis 2050
verdoppeln.“

Peter Traupmann,
Geschäftsführer der österreichischen
Energieagentur

Aber bei den Potenzialen Kärntens für Erneuerbare redete Traupmann Klartext: Derzeit verbrauche das Bundesland etwa sechs Terawattstunden Strom pro Jahr. Um die Klimaziele und eine Reduktion der Emission von Treibhausgasen um 90 bis 95 Prozent bis 2050 zu bewerkstelligen, werde neben verbesserter Effizienz auch der Stromverbrauch deutlich steigen müssen. Traupmann rechnet wie Kelag-Vorstand Freitag mit einer Verdoppelung auf ca. 11 Terawattstunden. Um das entsprechend klimafreundlich zu gestalten, packte er folgenden Maßnahmenkatalog aus: Bei der Photovoltaik neue Flächen im Ausmaß von 65 Fußballfeldern pro Gemeinde, nicht nur auf Haus- und Gewerbedächern, sondern auch auf Freiflächen, z.B. in der Landwirtschaft. Dazu die massive – und in Kärnten seit Jahren blockierte – Ausweitung von Windkraftanlagen. Polemischer Seitenhieb von Traupmann: „Im Burgenland gibt es 450 Windräder. Der fossilfreie Tourismus ist eine Marke.“ Aber auch bei der Wasserkraft sieht er in Kärnten durch Effizienzsteigerungen und Ausbau noch Potenzial. Die EU-Wasser-Rahmenrichtlinie setze dem aber deutliche Grenzen.

Energiewende passiert in Städten

In ähnlicher Tonart ging es weiter. Günther Lang von Passivhaus Austria feuerte eine Breitseite gegen die Wohnbauförderung ab. Nicht nur, dass die Gebäude-Sanierungsrate in Österreich deutlich zu niedrig liege, auch die Vorgaben seien dringend renovierungsbedürftig. Wenn man wisse, dass ein Gebäude nur alle 40 Jahre saniert werde, dann müsse man danach trachten, hier jeweils den höchstmöglichen Standard umzusetzen. Denn Energieeffizienz sei leistbar, so Lang, wie er an einer Fülle von Projekten in ganz Österreich zu zeigen versuchte.

Eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung der Klimastrategien werden die Städte spielen. Steffen Braun vom Fraunhofer-Institut (Forschungsbereich Stadtsystem-Gestaltung) steckte in seinem Vortrag gleich den Rahmen ab: bis 2050 werde sich die Bevölkerung in den Städten verdoppeln. Nicht nur deshalb stünden sie vor gewaltigen Herausforderungen. Der enorme technologische Wandel mache es nötig, Infrastrukturen anpassungsfähig zu halten – gerade in Kombination mit der Energiewende. Braun sieht hier die Stadtwerke als wesentliche Spieler, als Innovatoren und Gestalter. Und er beharrt darauf, dass man die Bürger von Anfang an mit einbeziehen müsse. Braun ist ein Verfechter der Skalierung von zuerst im Kleinen, also in „Quartieren“, erprobten Modellen in größere Einheiten. Darüber hinaus setzt er sich für den integrierten Ansatz ein. Kreislaufmanagement, Logistik, IT müssen zusammenspielen. Die Zukunft gehöre hier nicht einzelnen Produkten, sondern Plattformen.

Braun sprach aber auch ein anderes wichtiges Thema der Urbanisierung an: die Klima-Resilienz der Städte, Gebäude als Kraftwerke und Energiespeicher, Dachgewächshäuser, neue emissionsfreie Mobilitätslösungen. Braun fordert, dass die Städte auf Basis des Internets völlig neu gedacht werden und dass hier Denkblockaden gelöst werden müssen.

Kalifornische Ideologie

Peter Palensky von der technischen Uni in Delft (Niederlande) beschäftigt sich in seinem Forscherteam mit den unangenehmen Begleiterscheinungen der Digitalisierung von Stromnetzen im Zuge der Demokratisierung der Stromerzeugung. Wie schützt man moderne „smarte“ Netze vor Cyberattacken? Indem man Spezialisten genau darauf ansetzt, sie zu attackieren und daraus zu lernen, wo Sicherheitslücken zu schließen sind, bzw. wie man Angriffe im Monitoring erkennt, lautet Palenskys pragmatische Antwort.

„Innovation ist nur ein
schwacher Ersatz für Zukunft und
Zukunft braucht Zwecke.“

Philipp Staab,
Soziologe an der Berliner
Humboldt-Universität

Scharf auf die Bremse trat schließlich Querdenker Philipp Staab, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität. Er nennt das, was uns derzeit als disruptive Entwicklung in Form der Digitalisierung überrollt, die „kalifornische Ideologie“, eine Kombination von Technikfixierung, Innovation und Kreativität der Gegenkultur, die einen Solutionismus in der Form „es gibt immer eine technische Lösung“ verfolge. Er bezeichnet die Disruption als Theorie der reduzierten Zwecke und weiter: „Innovation ist nur ein schwacher Ersatz für Zukunft und Zukunft braucht Zwecke“. Sonst, so Staab eindringlich, sehen wir uns mit dem Ende eines sozial kompatiblen Fortschritts konfrontiert. Neue Technologien können unsere Energiewelt zum Besseren verändern oder eben auch nicht. │

Ausgabe 1 - Feber 2020

Ausgabe 01 Feber-März 2020

Sonderausgabe notare in Kärnten

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