Utopielose Welt zu verschenken

Was ist mein Traum? Eine Frage, die zu den wichtigsten des Lebens gehört und die Dr. Martin Luther King 1963 für sich ganz klar beantworten konnte. Renata Schmidtkunz, Moderatorin, Redakteurin und Dokumentarfilm- Regisseurin beim ORF, sieht in der Fragestellung die Verbindung zur Transzendenz. Ihr Buch Himmlisch frei. Warum wir wieder mehr Transzendenz brauchen, ist kein Buch der Religionen, auch keines des Glaubens, vielmehr ein Buch des Denkens – und zwar weit über die Grenzen hinaus. Sandra Bergner

Foto: Renata Schmidtkunz, Autorin des Buches Himmlisch frei Foto: Lukas Beck

Unter einem Apfelbaum liegend – nicht in der stabilsten Zeit ihres Lebens – schaute Renata Schmidkunz dem Baum im Klostergarten des Wiener Krankenhauses beim Sein zu. Die Erkenntnis daraus – nämlich, dass der Baum auch ohne sie und ihr Zutun da ist, der Wind auch ohne ihr durch die Blätter der Krone weht und auch die Vögel ohne ihrer Anwesenheit auf seinen Ästen Platz nehmen – trägt einen wesentlichen Teil zu ihrer heutigen Haltung bei. Denn an diesem Tag verstand sie, dass so vieles über sie hinaus existiere, von dem sie gar nichts wisse. Das nahm nicht nur Druck von den Schultern, sondern brachte vor allem auch die Einsicht, dass neben all der ständigen Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, der Ablenkung und dem Trubel unserer effizienzorientierten Welt Unverfügbares existiert.

Doch was ist das Unverfügbare? Und hat es der alte Mann mit dem weißen Bart – der Gott ihrer Eltern – erschaffen?

Hätte man die Tochter der evangelischen Pfarrersfamilie während ihrer ersten 40 Lebensjahren danach gefragt, hätte sie wohl eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Heute – nach Jugendzeiten frommer Gläubigkeit, ihrem engagierten Theologiestudium, der Vertiefung in die Geschichte der unterschiedlichsten Religionen, unzähligen Reisen zu mehr oder weniger heiligen Orten dieser Welt, beeindruckender Bibelkenntnis und verspürter Langweile gegenüber einem alten Mann mit weißem Bart, abendlichem Beten voller Inbrunst, veralteten Gottesbildern und einer Zeichnung ihrer Tochter, die sie erstaunen ließ – hat sich ihr Gott verändert. Geblieben ist jedoch ihre Überzeugung, dass es etwas gibt, worüber wir nicht verfügen können. Etwas, dass jenseits der Grenze des Diesseits liegt. Und über diese Grenze hinaus zu denken, heißt Transzendenz zu denken.

„Transzendenz bedeutet neben vielem anderen auch, Distanz zum Weltgeschehen zu bekommen. Es ist eine Distanz, die befreien kann von jenen Trieben, die unsere Welt und die Menschheit im Moment zu zerstören drohen. Es ist eine Distanz, die befreien kann von dem Wunsch, alles alleine zu besitzen, von dem Wunsch, die Welt und was auf ihr wächst und existiert, nicht teilen zu wollen.“

Und weil wir mit der Fähigkeit ausstaffiert wurden, über unsere Grenzen hinaus zu denken, und weil unsere Grenzen gar nicht so sehr unsere sind, sondern vielmehr das Ergebnis des Effiziensdenkens der Gesellschaft, in der wir leben, braucht es, so Schmidkunz, keine Ratgeberliteratur, die eine universelle Anleitung zum verloren gegangen Denkmodell der Transzendenz erklärt. Vielmehr bietet sie dem denkenden Leser mit ihrem Buch 180 Seiten essayistischer Beobachtungen über Religionsgeschichte, Herrschaftssysteme, Unverfügbarkeit, Liebe und gehirnerfrischende Dinge. Über Gottesbilder, die sich verändern, Solidarität und Gemeinschaft, über fast vergessene Worte und den Glauben daran, Teil einer Ganzheit zu sein. Kurz gesagt: Manwird angeregt, zu denken.

„Weil Unendlichkeit
das Gegenteil
von Herrschaft ist“

Renata Schmidtkunz,
Moderatorin, Redakteurin
und Dokumentarfilm-Regisseurin
beim ORF.

Doch das Interesse an Transzendenz als Denkmodel scheint verloren gegangen. In Europa, dem Kontinent der großen Utopien, der vielfältigen religiösen Traditionen, ist an die Stelle Gottes (in welcher Form auch immer) die Logik der Finanzmärkte und die Notwendigkeit der Profiterzielung getreten. Denn was nichts bringt, wird nicht mehr gemacht. Höher, schneller, weiter scheint die Devise zu sein.

Woher nimmt der Mensch dann noch Kraft und Mut für Ideen? Für Träume?

Das, was uns zum Menschen macht – nämlich die Fähigkeit zu Liebe, Freude, Mitgefühl oder Barmherzigkeit– ist nicht in Warenwert zu ermessen. Also nichts wert? Dass die Entwertung einer Gesellschaft dann beginnt, wenn man alles zu einer Ware macht, scheinen wir – in einer utopielosen Welt – vergessen zu haben. Schmidtkunz plädiert also eindringlich dafür, dass die Kraft, aus der wir schöpfen können – und auch müssen – in Kommunikation, Gemeinschaft und Solidarität zwischen Menschen, in Kunst und Poesie liegt. Auch in der Liebe, also in der Ganzheit, also in Gott, also in der Transzendenz. Und nicht nur die Kraft kommt von hier, auch der Sinn für ein gerechtes und gutes Leben – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft – verbirgt sich hinter den vorgegebenen Grenzen unseres Denkens. Denn wenn Grenzen aufhören, hört auch Herrschaft auf. Oder, um es mit Schmidtkunz Worten zu sagen: „Weil Unendlichkeit das Gegenteil von Herrschaft ist.“

Wer im Buch des Denkens also auf die zusammengefassten „Big five for Transcendence“ hofft, wird nicht fündig werden. Vielmehr stößt man in jedem Kapitel auf etliche Aussagen, die dazu einladen, sich von der üblichen Perspektive zu lösen und sich aus der Distanz einen Blick auf unseren Planeten zu gönnen. Schon möglich, dass der Lektüre gegen die Dystopien unserer Zeit und sinnfreie Gespräche wehren will, dass man seine Sinne schärfen und Lebendigkeit erfahren will, dass man die Schönheit der Dinge, die mit Liebe und Leidenschaft hergestellt wurden, finden kann und die Unverfügbarkeit von Erdbeeren im Winter respektieren möchte. Wie wäre es, sich ganz plötzlich einmal mit anderen Fragen zu beschäftigen?

In welcher Welt will ich leben?
Wem will ich helfen?
Was will ich noch lernen?
Wer inspiriert mich?
Was ist mein Traum?

Ausgabe 2 - März 2020

Ausgabe 02 März 2020

Sonderausgabe notare in Kärnten

Hier werden Cookies verwendet! Die advantage-Webseite verwendet Cookies um Inhalte und Werbeanzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf die advantage-Webseite zu analysieren. Diese Informationen werden unter Umständen auch von unseren Werbepartner genutzt. Lesen Sie mehr dazu in der Datenschutzerklärung.