Bildung - Interview

HTL Ferlach – eine Attraktion am Schulmarkt

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Mag. Silke Bergmoser, Direktorin der HTL Ferlach in Kärnten

Technik ist nicht gleich Technik: Mag. Silke Bergmoser, Direktorin der höheren technischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt Ferlach, erzählt uns im Gespräch, warum sie nicht müde wird, Mädchen für die Technik begeistern zu wollen.

advantage: Sind die Zahlen nach wie vor so gering, dass man das Thema „Mädchen in der Technik“ ständig hervorheben muss?

Mag. Silke Bergmoser: Man muss den Schwerpunkt „Mädchen in der Technik“ permanent pflegen und den Mädchen die Scheu vor der Technik nehmen. Mädchen denken immer noch, dass die Technik zu schwer sei. Daher wollen mit unseren zwei Ausbildungsbereichen Schmuck- und Graviertechnik und Industriedesign die Mädchen animieren, eine technische Ausbildung in Angriff zu nehmen, denn sie qualifizieren sich so für gehobene technische Berufe. Ebenfalls bieten wir im Haus ein Kolleg für Objekt-Design an. Das bedeutet, dass ihre Ausbildung, speziell nach dem neuen Ingenieursgesetz (gerade in Ausarbeitung), dann qualitativ mit einem europäischen Bachelor gleichzusetzen ist. Und das ist ein Bonus, den ich immer versuche, den Mädchen mitzugeben und zu vermitteln, nachdem sie ja bestrebt sein sollten, eine gute Ausbildung zu haben. Auch für die spätere Zukunft mit Kindern ist das sicher ein wichtiger Aspekt – es ist alles schaffbar, es ist alles machbar. Die Mädchen können im Bereich Prozessmanagement, Vermarktung, Entwicklung, Konstruktion, Einkauf, Verkauf und Entwurf Platz finden, denn da sind immer Einblicke in technische Abläufe gefragt. Es ist einfach eine tolle Grundausbildung, speziell für Mädchen.

Wie lauten denn die Prozentanteile der Mädchen derzeit?

In der Waffentechnik und Fertigungstechnik sind es zwei bis vier Prozent. Im Bereich Industriedesign 50 Prozent und in der Schmuck- und Graviertechnik beträgt der Prozentsatz sogar 93 Prozent. In Summe haben wir 25 Prozent Mädchen im Haus. Durch unser einzigartiges Angebot können wir österreichweit punkten, immerhin sind wir die HTL mit dem höchsten Mädchenanteil, weil wir die Mädchen in ihrer Kreativität und Wahrnehmung ansprechen. Ich will Mädchen und Frauen sensibilisieren, diese Ausbildung einzuschlagen, weil ich überzeugt bin, dass HTL Absolventen in der Industrie massiv gebraucht werden. Wir sind europaweit das einzige Bildungssystem, die diese Kombination aus Praxis und Theorie anbieten. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

 

Hat sich das in den letzten Jahren rasch entwickelt?

Generell gibt es das Ausbildungsangebot für Mädchen schon lange. Aber erst 2013 fand die Umstellung von der Fachschule für Gold- und Silberschmiede zur Höheren Abteilung für Schmuck und Graviertechnik statt, das heißt, dass auch diese kreative Ausbildung mit der Reife- und Diplomprüfung abschließt. Mädchen finden sich eher in kreativen Bereichen, aber auch der klassische Maschinenbau ist für Mädchen sehr interessant, weil es so viele metallverarbeitende Betriebe in Kärnten gibt und da speziell auch Mädchen sehr gefragt sind. Mein Bestreben ist, die Mädchen dahingehend zu animieren, denn HTL Absolventen sind gefragte Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft.

Zur Säule Schmuck- und Graviertechnik, wie sieht es mit der Praxis aus? Welche Berufe kommen danach in Frage?

Unterscheiden muss man hier zwischen Schmuck- und Graviertechnik und dem Industriedesign wegen den verschiedenen Lehrplänen. In beiden Ausbildungsbereichen müssen die Schüler im fünften Jahr eine Diplomprüfung in Zusammenarbeit mit einer externen Partnerfirma ablegen. Wir haben viele renommierte Industriepartner im In- und Ausland. Sie sollen den Schülern die Möglichkeit geben, praxisnahe zu arbeiten und ihr erworbenes Wissen praktisch anzuwenden. Wir machen aber auch Unterrichts- und Entwurfsprojekte für verschiedenste Firmen, die zum Ziel haben, Kontakte zu den Industriepartnern knüpfen zu können. Die Schüler sollen die Partner kennenlernen und im Idealfall wird das in ein Arbeitsverhältnis übergeleitet. Es ist unser Standard, dass alle Schüler eine Diplomarbeit schreiben, mit externen Firmenpartnern zusammenarbeiten, das Ergebnis präsentieren und dadurch in Kontakt mit Industrie und Wirtschaft sind.

Woher kommen die Schüler?

Wir haben Schüler aus über 20 verschiedenen Ländern im Haus, von Griechenland über Namibia, Südafrika, Ukraine, Italien, Amerika und China, die bei uns die Schule besuchen. Also Schüler aus der ganzen Welt. Auch das Kolpinghaus arbeitet mit uns zusammen, ihre Aufgabe ist es, Schüler der HTL aufzunehmen. Speziell im Bereich Büchsenmacher- und Waffentechnik ist die HTL Ferlach ein Inbegriff für alle, die mit der Branche vertraut sind. Auch als Schulstandort in Österreich ist die HTL Ferlach ein Begriff, weil es eben dieses Angebot der Ausbildungszweige nur bei uns in Kärnten gibt. Im Bereich Waffen- und Büchsenmachertechnik bilden wir weltweit als einzige aus.

Spielt der Alpe-Adria-Raum eine Rolle? Italien, Slowenien?

Wir haben einige slowenische Schüler bei uns, die alle die Büchsenmacher-Ausbildung absolvieren. Das Handwerk boomt wieder. Ich glaube, die Tradition und die Wahrnehmung, ein Handwerk zu erlernen oder eine praktische Fertigkeit zu erwerben wird immer wichtiger, weil wirtschaftlich gesehen nicht jeder studieren kann, soll oder will. Ein verlockender Nebeneffekt ist, dass eine handwerkliche Kompetenz auch nebenbei ausgeübt werden kann. Mit unseren Werkstätten ist die HTL Ferlach einfach eine besondere Attraktion am Schulmarkt.

Viele Nationen – wie schaut es aus mit der Sprachbarriere?

Die Unterrichtssprache ist deutsch. Die zukünftigen Schüler müssen bei der Anmeldung eine B1-Zertifizierung der Sprachkompetenz nachweisen. Viele leben in einem bilingualen Haushalt oder leben seit Generationen im deutschsprachigen Raum, wie die Südafrikaner. Sie sind wie eine deutschsprachige Kolonie, die sich früher als Büchsenmacherfamilien niedergelassen haben und die Großväter schon damals diese Schule besucht haben.

Was sollte Mädchen im Schullalltag interessieren, damit sie für die HTL Ferlach auch interessant sind? Gibt es eventuell Richtungen, die man als Eltern absehen kann?

Technik bedeutet nicht immer Werkstoffwissenschaften, sondern technisches Grundwissen. Und das sollte vorhanden sein. Wenn zum Beispiel die Jungdesignerinnen einen Stuhl entwerfen, müssen sie auf technische Details achten: sie müssen wissen, wie die Kräfte wirken, welche Eigenschaften Holz, Metall oder Kunststoff haben – ein kreativer Ansatz sollte da sein. Es gibt auch jederzeit die Möglichkeit einen Schnuppertag zu machen, wo man einen Tag in den Unterrichtsalltag involviert wird. Begleitet von einem unserer Lehrer kann man dann in der Werkstätte mitarbeiten, sich mit verschiedenen Arbeitsschritten und Materialien vertraut machen und so erkennen, ob es das Richtige ist oder nicht.

Wie sieht es denn mit der Aufnahme aus – müssen die Schüler einen Aufnahmetest bestehen oder gewisse Voraussetzungen erfüllen? Wie kann der Schüler Kontakt aufnehmen?

In den Bereichen Fertigungstechnik, Schmuck- und Graviertechnik, im Industriedesign und im Kolleg gibt es noch freie Plätze. Am besten nimmt man einfach Kontakt mit der Schule auf, um die Anmeldevoraussetzungen zu besprechen. Eine Anmeldung ist selbstverständlich noch möglich.

Wünsche für die Zukunft?

Ich will, dass die Mädchen keine Angst vor der Technik haben. Im Gegenteil, ich will ihnen vermitteln, dass es eine Chance für die Zukunft ist. Eine Chance selbständig zu sein. Wenn ich unsere Partnerfirma Glock als Beispiel heranziehe, sehe ich, wie viele Frauen in der Produktion arbeiten. Man braucht einfach eine gewisse technische Grundausbildung. Wichtig ist, dass unsere Absolventen Praxiskompetenz erwerben, aber trotzdem immer noch eine universitäre Ausbildung anstreben können. Diese duale Ausbildung ist einzigartig, denn den Schülern stehen alle Türen offen. Zudem sind unsere Absolventen für die Herausforderungen von Industrie 4.0 bestens geeignet und vorbereitet.

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