Innovationsgespräche: David und Goliath

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Am Bild vlnr.:Erich Dörflinger, Roland Waldner, Georg Knill, Gernot Hutter, Timo Springer, Gaby Schaunig, Josef Hackl, Christoph Ludwig, Michael Faschingbauer

Der Technologie- und Innovationsraum im Süden Österreichs ist gut unterwegs – und er wird nach Fertigstellung der Koralmbahn noch schneller zusammenwachsen, waren sich die Präsidenten der Industriellenvereinigung sowie die Politik-Vertreter aus der Steiermark und Kärnten bei den Innovationsgesprächen der Innoregio Süd einig.

IV-Steiermark-Präsident Georg Knill und IV-Kärnten-Präsident Timo Springer lobten schon in ihren Begrüßungsstatements die Früchte jahrelanger Kooperation: die Silicon Austria Labs, den Silicon Alps Cluster, das Robotics-Institut von Joanneum Research. Die Kärntner Technologiereferentin, Landeshauptmann-Stellvertreterin Gaby Schaunig, sprach eine Studie an, die die Nachbarländer Kärnten und Steiermark in Auftrag gegeben haben, um sich besser auf die durch die Koralmbahn entstehenden Entwicklungspotenziale vorbereiten zu können. Da hakte auch Christoph Ludwig, Geschäftsführer der steirischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG, nach: „Wirtschaftsräume kennen keine Bundesländergrenzen“.

David besiegt Goliath
Thema der Innovationsgespräche war aber eigentlich „Effectuation“. Seit rund 20 Jahren geistert dieser Begriff durch die Managementetagen. Er beschreibt jene Situationen, in denen klassische Planung nicht mehr funktioniert, weil alles unsicher wird. Das betrifft auch und vor allem Innovation. Keynote-Speaker Michael Faschingbauer vom Beratungsunternehmen Integrated Consulting Group (ICG) hat ein martialisches Bild des Barockmalers Caravaggio parat. Der biblische David hält dem Betrachter den Kopf des enthaupteten Goliath entgegen. Auf dessen Stirn sieht man ganz deutlich den Abdruck des Steins, der ihn niedergestreckt hat.

Eine völlig neue Technologie, für Faschingbauer im übertragenen Sinn vergleichbar mit aktuellen Entwicklungen wie die der Digitalisierung oder die der Künstlichen Intelligenz (KI). Wir haben es im Wettbewerb mit immer mehr Davids zu tun. Sie kommen nicht aus der eigenen, sondern oft aus ganz anderen Branchen. Es gehe also darum, aus der Ungewissheit ein planbares Geschäft zu machen. Dafür brauche es so genannte „Intrapreneure“, also Leute, die sich im Unternehmen und rundherum auf Entdeckungsreise begeben. „Was kann ich?“, „Was weiß ich?“, „Wen kenne ich?“ lauten die Fragen. Faschingbauer reiht Beispiel an Beispiel: die Medizinische Universität Graz etwa, deren Pathologie auf die Idee kam, ihre Proben nach der Behaltefrist nicht mehr zu entsorgen, sondern sie für Biobanking zu nützen und damit einen völlig neuen Markt zu begründen. „Man muss in Richtung Indien aufbrechen, wenn man Amerika entdecken will“, brachte es Faschingbauer auf den Punkt.

Helm gegen Tumore
In der anschließenden, von Julia Fadler (ICG) geleiteten, Diskussion ging es um die beiden Sprachen, die man beherrschen muss: die der Mittelorientierung (Effectuation) und die der Zielorientierung (klassisches Management). Erich Dörflinger, General Manager von Flex in Althofen, einem weltweit agierenden Technologieunternehmen, schilderte ein anschauliches Beispiel: Sein Unternehmen unterstützt ein israelisches Startup, das eigentlich ein elektronisches Gerät, eine Art Helm zur Linderung von Migränebeschwerden bei Kindern, entwickeln wollte. Es zeigte sich allerdings, dass dadurch das Wachstum der Zellen gestoppt wurde. Was sich hier also als kontraproduktiv erwies, brachte die Entwickler auf die Idee, es gegen Tumore im Kopf einzusetzen. Das funktionierte so gut, dass es inzwischen auch schon bei der Bekämpfung anderer Krebsarten eingesetzt wird.

Josef Hackl, Geschäftsführer der WILD Gruppe mit zwei Standorten in Kärnten und weiteren in Wien und der Slowakei, einem Unternehmen im Bereich der Opto-Mechatronik, hat mit seinen Kunden ein Partnernetzwerk namens „WIN“ (WILD Integrated Network) aufgebaut. Man versucht jene Fragen zu antizipieren, die Kunden sich vielleicht irgendwann einmal stellen werden. Dazu müsse man im Unternehmen beide Welten zulassen, jene der Freiheit und jene der Zielorientierung.

Freigeister und Manager
Es war aber auch vom Mindset und von den Menschen die Rede, die man dafür jeweils braucht. Roland Waldners Gruppe bei Philips in Klagenfurt beschäftigt sich mit dem Thema Entwicklung in der frühen Phase. Zuerst für Küchengeräte und jetzt für Personal Health. Man befasste sich seit Jahren mit „Effectuation“ und hat festgestellt, dass es sowohl Freigeister brauche als auch Menschen, die in der Management-Logik denken. Führung spiele hier daher eine ganz wesentliche Rolle.

Gernot Hutter bezeichnet sich als „First Mover Unternehmer“. Er blickt auf einen verschlungenen Karrierepfad zurück – vom Berater für Erdgasunternehmen bis zum einem für Intrapreneure, zwischenzeitliches Scheitern inklusive. Hutter empfindet es als Bremsklotz, dass es hierzulande kaum eine Fehlerkultur gebe. Um seine Unternehmenskultur aufzufrischen, empfiehlt Hutter Co-Working-Spaces aufzusuchen, wo Menschen lose zusammen arbeiten und sich austauschen.

Abschließend gaben die Podiumsdiskutanten ihre Erfolgsrezepte für ein sicheres Navigieren in in einer unsicheren Welt weiter:

Erich Dörflinger: Zuhören, Beobachten und dann Reden bzw. Tun.
Josef Hackl: Learning by Doing, interhierarchisch arbeiten. Die Menschen erkennen dann, dass sie ein größeres Ganzes gestalten.
Gernot Hutter: Offenheit, Hutter bezeichnet sich als Info-Junkie.
Roland Waldner: Nicht immer um Erlaubnis fragen, ab und zu um Verzeihung bitten.
Michael Faschingbauer: Spirit und Mut bzw. eine Methode daraus machen.

Was ist die Innoregio Süd?
„innoregio Süd“ ist ein von der steirischen und Kärntner Industrie initiiertes Innovationsnetzwerk, welches von Unternehmen, universitären und außeruniversitären Forschungsinstitutionen sowie von zentralen regionalen Akteuren getragen wird. Das Netzwerk versteht sich als offene Plattform mit langfristiger Ausrichtung. Die jährlich stattfindenden Innovationsgespräche sind eine Veranstaltungsreihe zur Diskussion zentraler, innovationspolitischer Strategien, die die Ausrichtung der südlichen Bundesländer entscheidend voranbringen sollen.

Foto © Eggenberger