Depesche aus Ösien

TOURISMUS LIMITED

0
1749
„Kärnten ist ein gefährlich schönes Land“, sagte einst der ehemalige Diözesanbischof Egon Kapellari. „Oba schen is schon do“, lautet eine angesichts der Naturschönheit gern verwendete Redewendung, die immer ein wenig nach Rechtfertigung klingt.
Millstätter See Ortsteil Gschriet Kärnten
ösien
Fotorechte: Peter Schöndorfer/KK

Ösien ist ein phantastisches Land, geografisch allgegenwärtig, in seinem Selbst- verständnis zwischen Brüssel, Bagdad und Bogota gelegen. Jede Ähnlichkeit dieser Depesche mit realen Ereignissen oder Personen wäre rein zufällig – und durchaus erwünscht. Aus Ösien berichtet unser Korrespondent Peter Schöndorfer.

„Kärnten ist ein gefährlich schönes Land“, sagte einst der ehemalige Diözesanbischof Egon Kapellari. „Oba schen is schon do“, lautet eine angesichts der Naturschönheit gern verwendete Redewendung, die immer ein wenig nach Rechtfertigung klingt.

Der wilde Süden Ösiens hat Tourismusgeschichte geschrieben: Anfang der achtziger Jahre ver- buchte die Sommerfrische zwischen wander- baren Bergen und trinkwasserklaren Seen rund 19 Millionen Jahresnächtigungen pro Jahr. Hoteliers schliefen auf dem Dachboden oder in der Badewanne und vermieten sogar das Ehebett, erzählt der Stammtisch heute noch heute in wehmütiger Reminiszenz. Roy Black sang sich durch die meisten der 34 Folgen vom „Schloss am Wörthersee“, ein Zusammenhang mit seinem Tod im Oktober 1991 ist nicht erwiesen.

Betrachtet man als Außenstehender den „Fremden- verkehr“, wie der Tourismus auch heute noch mancherorts genannt und behandelt wird, scheint es sich bei seinem Höhen ug vor mehr als drei Jahrzehnten um einen unglück- lichen Zufall gehandelt zu haben. Denn der Südösier will nicht bereist werden, schon gar nicht von Ausländern. Dass achtzig Prozent der Gäste Deutsche waren, die mit ihren Urlaubsausgaben ganz wesentlich für Wohlstand und Arbeit sorgten, hat ihnen Kakanig bis heute nicht verziehen. Das merkt man besonders bei Fußballspielen: Wenn es gegen die deutsche Nationalelf geht, würde man hierzulande auch zu Nordkorea halten.

1,7 Mrd. Euro spült der Tourismus jährlich in die Kassen Kakanigs und ist damit der zweitwichtigste Wirtschaftsfaktor im Land. Und dennoch will sich die einladende Grund- stimmung nicht einstellen. Das wird jedes Jahr deutlich beim GTI-Treffen um Christi Himmelfahrt, wenn – schenkt man den Medien, den Anrainern und der Polizei Glauben – die motorisierten Horden am Wörthersee und mittlerweile auch darüber hinaus einfallen. Statt dankbar zu sein für Millionen- umsätze in der ansonsten kaum vorhandenen Vorsaison, rücken ganze Bataillone schwer bewaffneter Polizei aus und montieren be issene Bürgermeister Bodenschweller, um den oft tiefergelegten Boliden das Leben schwer zu machen. Die Medien berichten weniger über die Freude der Menschen, von denen manche tatsächlich zum 34. Mal mit ihrem GTI mittlerweile als reife Familienväter oder -mütter – an den See kommen, als über die Höhe der eingenommenen Buß- gelder und die Zahl der eingezogenen Führerscheine.

Die Polizei spielt auch im zweiten Motorereignis des Jahres eine dominante Rolle, dem Harley-Treffen. Kein Radiobericht, kein Zeitungsartikel, in dem nicht ein Polizist zu Wort kommt und Zensuren verteilt – als ob das Wohlver- halten der Gäste das wichtigste Anliegen der Gastgeber wäre. Wer bei strengen technischen Kontrollen an den teils sehr individuellen Maschinen das Kennzeichen verliert, schafft es bis in die Abendnachrichten. Der größte Aufreger dieses Jahres waren zwei kleine italienische Mädchen, die – sorg- fältig abgeschirmt vom Rest der Bikergruppe – zum Entzü- cken des Publikums in albanischer Tracht auf Mini-Harleys um den See fuhren. „Verantwortungslos“, schäumten Polizei und Facebook-Voyeure gleichermaßen. Der Gerechtigkeit wurde sofort Genüge getan, mehrere Anzeigen gegen den picht vergessenen Vater reichten nicht, er musste noch eine „Sicherheitsleistung“ von 500 Euro erlegen. Es hätten die Kleider in die Kette kommen können, und die Kleinen trugen bei Tempo 20 – keine Helme.

Man könnte den Eindruck gewinnen, Touristen sind in Kakanig nur dann willkommen, wenn sie keinen Lärm machen, nicht schmutzen und auch sonst keinen Anlass zur Beanstandung geben. Sonst sollen sie ihr Geld besser über- weisen und daheim bleiben. Die Gastgeber bestimmen, wie weit der Urlaub geht, und nicht die Gäste. Tourismus limited, sozusagen.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here