Duell mit spitzer Feder

WANDERFRUST Peter Schöndorfer & Gilbert Waldner ODER WANDERLUST?

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Fotorechte: Privat/KK

Für den einen ist es die reine Qual, der andere vergisst beim Wandern die Alltagssorgen und bewundert den Wandel der Natur.

Lust am Leiden (Peter Schöndorfer)
Wenn die ärgste Sommerhitze gebrochen ist und die Morgennebel aus den Bächen und Tümpeln steigen, hebt sie an, die frohe Wanderszeit. Und mit ihr kommen die noch viel fröhlicheren Wandersleut‘, die sich grob in zwei Spezies einteilen lassen: Jene, die ihre vom Leben im Bürosessel deformierten Bänder- und Sehnenapparate in Anfällen ungeheurer Selbstüberschätzung in brandneuen Hightech-Bergschuhen über kaum für menschliche Fortbewegung geeignete Pfade in die fremdartige Höhe schleppen, um sich danach wochenlang mit den Kollegen über den schlimmsten Muskelkater aller Zeiten und die Monsterblasen des Universums austauschen zu können.

Und die anderen, deren wettergegerbte Gesichtsbräune auf ein Leben in der Wildnis schließen lässt, deren gut eingetragene Wanderschuhe schon einiges hinter sich und noch ganz viel vor sich haben. Diese Pro wanderer zeich- nen sich meist durch einen naturnahen Körpergeruch, einen rustikalen Charme („Wennscht nit schneller gehst, steck ich dir meine Socken in den Rucksack – wosch glabsch, wiast du donn lafen konnst!“) und ein sogenanntes Eisenwadl aus. Denn nach diesen Musterexemplaren des Wanderextremsports werden offenbar die Zeitangaben auf den gelben Wegweisern erstellt: Schattseitenhütte einein- halb Stunden – aber nur für Reinhold Messner auf Drogen, normale Menschen brauchen gute vier.

Wenn man knapp am Hinterwandinfarkt die rettende Hüttenterrasse erreicht hat, trifft man dort folgerichtig entweder jene, die mit hochrotem Kopf und Schnapp- atmung ihre geschundenen Füße mit Hochquellwasser kühlen. Oder sehnig-ausgeruhte Bergsportler, die schon die Bestellung des dringend erforderlichen zweiten Bieres mit einem mahnenden Blick quittieren.

Beim vierten Bier waren sie Gott sei Dank schon auf- gebrochen, voller Lust am Leiden neuen Gipfeln entgegen.

Mach Dich auf die Socken! (Gilbert Waldner)
Ja, Wandern ist anstrengend. Das gilt für den Auf- genauso wie für den Abstieg. Kämpft man aufwärts mit der Atem- not, brennt abwärts die Oberschenkelmuskulatur oft bis man am liebsten rückwärts gehen möchte, um endlich andere Muskelpartien zu belasten. Jedes Kilo zu viel, ob um die eigenen Hüften oder im Rucksack, potenziert sich quasi mit der Zahl der bewältigten Höhenmeter. Aber das ist eindeutig Gewöhnungssache. Denn mit jedem Schritt gelegentlich auch Tritt (bei anspruchsvolleren Unternehmungen ist ja oft die sprichwörtliche „Tritt- sicherheit“ gefragt) wachsen Kondition und Selbstvertrauen. Es gibt kaum etwas, das einen Alltagssorgen schneller vergessen lässt, als das Höher- steigen, das freier Atmen, das In-die-Weite-Blicken.

Wandern wird immer mehr zum Ganzjahressport. Im Vorjahr waren die Witterungsverhältnisse im Dezember so wie normalerweise im Oktober. Und wenn der Winter doch noch kommt, dann steigt man halt buchstäblich auf die Schneeschuhe um oder die Ski. Die Liftanlagen konzent- rieren sich inzwischen wegen der hohen Kosten für die Beschneiung auf einige wenige rentable Regionen. Der große Rest bleibt den Wanderern, die davon weidlich Gebrauch machen. Der Kontrast zwischen der Farben- pracht in einem feuchten Sommer wie dem letzten und der kargen Stille im Winter könnte größer nicht sein. Im Herbst wendet sich das Blatt zwischen Tag und Nacht, im Frühjahr bricht die Natur unter den tauenden Schnee- massen hervor. Obwohl: Irgendwie ist das Gefüge im Klimawandel durcheinander gekommen. Am Singerberg in den Karawanken sieht man die ersten Schneerosen schon im November und Dezember. Zu tausenden trauen sie sich dann allerdings erst im März heraus. Auch ein später Schneefall kann ihnen kaum etwas anhaben. Macht euch auf die dicken Socken, zieht die Bergschuhe an! Schaut euch an, was die Natur da oben zu bieten hat! Sorry, auch so eine Unsitte unter Wanderern: Ab 1.000 Metern Seehöhe ist jeder mit jedem per „Du“.

Fotorechte: Privat/KK

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